Korruption im Gesundheitswesen


Anfang Februar 2010 erschien auf der polnischen Web-Seite der internationalen Koalition gegen Korruption, Transparency International, eine Information über die Arbeit ihrer österreichischen KollegInnen zur Forschung im Bereich der Korruption bei Verschreibung von Medikamenten. Diese Studien zeigen, dass die Ärzte Medikamente verschrieben hatten, die nicht geprüft waren, ohne spezifische Kenntnisse über die möglichen Nebenwirkungen und natürlich, ohne Wissen und Einwilligung der Patienten. Für das Verabreichen dieser Medikamente wurden den Ärzten von der Pharmaindustrie Prämien zwischen 10 und 1000 Euro gezahlt und zusätzliche 100 Euro „pro Nase", wenn die Daten des Patienten erhoben worden wären und die  Beschreibung seines Befindens nach Einnahme der illegalen Drogen stattfand.

Gesundem Menschenverstand folgend müsste es zwar richtig erscheinen, dass Kontakte der Pharmaindustrie zur Ärzteschaft benötigt werden, um die Qualitätsstandards beider Seiten zu verbessern. Transparency International weist jedoch darauf hin, dass: es „zwingende Beweise dafür gibt, dass der Grund für die Aufrechterhaltung dieser Kontakte nicht die Weiterbildung in den Bereichen der Gesundheit ist, sondern Gewinnmaximierung. (...) Im Zusammenhang mit diesem Inhalt ist hier der polnische Kodex der Ärztlichen Ethik zu zitieren, wonach der Arzt, der an einer von den Herstellern von Arzneimitteln oder Medizinprodukten (bzw. Ausrüstung und medizinischer Geräte) gesponserten Forschung teilnimmt, sich vergewissern muss, dass diese Tests in Übereinstimmung unter Beachtung ärztlicher Ethikregeln durchgeführt werden. Ein Arzt sollte sich nicht an einer Forschung beteiligen, die zum Ziel die Zulassung und Vermarktung eines derartigen Produktes hat. (Artikel 51 d.) Darüber hinaus: „sollte er seine Beziehung zum Hersteller von Arzneimitteln oder Medizinprodukten (bzw. Ausrüstung und medizinischer Geräte) immer dem Patienten gegenüber offen legen und ihn darüber informieren, dass er einer vom Hersteller gesponserten Prüfung unterzogen wird." (Artikel 51 e. und Art. 51 f.)

Da diese oben kritisierte Praxis in Gesundheitssystemen der ganzen Welt schon lange zu keiner Seltenheit gehört und sich gefährlich entwickelt, veröffentlichte Transparency International im Jahre 2007 den "Global Corruption Report“, in dem es unter anderem heißt: "Die Sphäre der Beziehungen zwischen der Pharmaindustrie und den Ärzten ist ein besonders anfälliger Bereich für Korruption, da die Bereitstellung von medizinischen Leistungen von Marketing-Praktiken der pharmazeutischen Industrie beeinträchtigt werden können. (...) Der Einfluss dieser Industrie auf Ärzte sowohl in den hochentwickelten Ländern wie auch in den Schwellenländern erfüllt mit Angst und Besorgnis. Besonders gefährlich sieht es in Entwicklungsländern aus, wo die Gehälter der Ärzte sehr niedrig ausfallen, also Geschenke der Pharmaindustrie (sowohl finanzieller Art, als auch in Form von Sachleistungen) eine wichtige Ergänzung zu ihrem Verdienst darstellen."

Wieder einmal zeigt es sich also, dass die globalen Verhaltensstandards, die in den Berufskodexen der Ethik als Verpflichtung verankert sind, nicht funktionieren. Im "Global Corruption Report" heißt es: "Trotz der Tatsache, dass diese Kriterien weit verbreitet waren, stellt deren effizienter Einsatz nach wie vor ein erhebliches Problem dar; die Behörden müssen ihre Gesetze und Verordnungen also korrigieren und so ändern, dass sie diese Kriterien überzeugend in den Schulen und medizinischen Vereinigungen fördern könnten. Und obwohl ein selbstregulierender Ethikkodex gegenüber einer Verordnung vom Vorteil sein könnte, sollte die Einführung von wichtigen Reformen und praktisch durchsetzbaren Regelungen nicht verzögert werden. Ein freiwilliger Kodex wird nicht von objektiven Beobachtern überwacht, unterliegt keiner unabhängigen Kontrolle und seine Missachtung zieht keine bedeutsamen Konsequenzen nach sich.“

Es stehen einem die Haare zu Berge, wenn man in diesem Kontext über Psychiatrie nachdenkt, da wir hier einerseits immer noch mit einem Tabuthema zu tun haben und anderseits oft mit dem Problem des Zwangs und der Gewalt, die gegenüber den „Patienten“ und „Patientinnen“ ausgeübt werden. Unabhängige Kontrolle gibt es hier so gut, wie gar nicht, bzw. nur im marginalen Rahmen; in der Gesellschaft wird Psychiatrie immer noch als ein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiertes medizinisches Gebiet verstanden.

Kaum jemand vertieft sich in das Thema und verweist auf die Tatsache, dass psychiatrische Diagnosen nur auf der Grundlage von Vermutungen (Hypothesen) erstellt werden. Also: wir haben hier stets mit einem unlogischem Fall von Verabreichung psychoaktiver, bewusstseinsverändernder  Chemikalien, u.a. sog. Neuroleptika zu tun und das in einer Situation, in der man überhaupt nicht sicher ist, worum es sich bei einer so diagnostizierten „Krankheit“ handelt, und ob diese überhaupt einen biologischen Hintergrund hat.

Anfang Februar 2010 wurde die Polnische Sektion der Internationalen Vereinigung gegen Psychiatrische Gewalt IAAPA ins Leben gerufen, deren Hauptsitz in Basel (Schweiz) ist. Also haben wir die Hoffnung, dass dank der damit gestarteten Informationskampagne die rechtliche Situation der psychiatrisch diagnostizierten Menschen unserer Bevölkerung näher gebracht wird aber auch bald ein effektiver Schutz vor Institutionalisierung dieser Menschen geboten wird. Wir müssen immer daran denken, dass jeder und jede von uns auf Grund von schwierigen Lebenssituationen oder dem immer weiter wachsendem Druck der Konsumgesellschaften - meist unerwartet -  in psychiatrische Netze geraten kann. Wir dürfen also in keinem Fall akzeptieren, dass hierbei dem Menschen die elementaren Grundrechte zur Selbstbestimmung, Freiheit und Würde entnommen werden. Das Herumexperimentieren mit nicht zugelassenen „Medikamenten“ kann zu irreparablen Folgen für die Gesundheit der Getesteten führen, muss also von uns konsequent verurteilt und als strafwürdig begriffen werden. Mit gleichem konsequenten Druck müssen wir Gesetzesänderungen fordern, die den Gesetzeshütern die rigorose Strafverfolgung von durch die Pharmaindustrie korrumpierten Ärzten ermöglicht, um damit gerade die jungen Ärztinnen und Ärzte gegen Korruption „abzusichern“. Dass ein Industrieller produziert, um so viel, wie nur möglich zu verkaufen – das wissen wir nun alle und es ist Sache des Einzelnen, ob er auf die Werbetricks von Verkaufsaktionen reinfällt oder nicht. Aber dass ein Arzt, der mittels des unten zitierten Eides verpflichtet wurde, an pharmazeutischen Marketingstrategien teilnimmt, dürfen wir nicht tolerieren:

"Der Ärztlicher Eid:
mit Respekt und Dankbarkeit für meinen Meister nehme ich den mir verliehenen Titel des Arztes entgegen und bin mir voll und ganz bewusst der daraus folgenden Verpflichtungen und verspreche:
• diese Pflichten gewissenhaft zu erfüllen;
• dem Leben und der menschlichen Gesundheit zu dienen;
• nach meinem besten Wissen und Gewissen gegen das Leiden und zur Verhütung von Krankheiten zu handeln und den Kranken zu helfen, ohne Unterschiede wie Rasse, Religion, Nationalität, politischer Meinung, materielle Verhältnisse und andere zu machen, und ausschließlich als Ziel ihr Wohlbefinden und ein gebührenden Respekt ihnen gegenüber zu haben;
• ihr Vertrauen nicht zu missbrauchen und Geheimnis zu bewahren, auch nach dem Tod eines Patienten;
• die Würde des ärztlichen Standes zu bewahren und sie mit nichts zu beflecken, und den Ärzten-Kollegen mit wertschätzender Güte entgegen zu treten, ihr Vertrauen nicht zu untergraben, jedoch unparteiisch und im Hinblick auf das Wohlergehen der Patienten handeln;
 • stets mein Wissen zu erweitern und alles der medizinischen Welt weiterzugeben, was ich erfinde und verbessere.
Ich verspreche es feierlich!"

Autor: A. Skulski
Originalveröffentlichung in Polen